Mal ehrlich – wie hat uns Indien gefallen?

Indien spaltet die Gemüter. Von manchen als absolutes Traumland bezeichnet, weckt es bei anderen – ohne auch nur einen Fuss in das Land gesetzt zu haben – Albträume. Bilder reichen für ein solches Urteil ja aus ;-). Natürlich kannten wir vor unserem Entschluss, Indien an den Anfang unserer Reise zu setzen, auch nur Bilder. Wir haben diese möglicherwiese einfach anders wahrgenommen und uns bewusst auf das Schöne fokussiert in der Absicht, dass das Unschöne bei unserer Ansicht des Landes nicht Überhand nehmen soll. Zeit war in zwei Monaten genug, um von Indien einen (bleibenden) Eindruck zu erhalten und so möchten wir heute unsere persönlich! gemachten Erfahrungen, Ansichten und Gefühle mit euch teilen. Ob die Skeptiker aus unserer Sicht in ihren Meinungen bestätigt werden oder nicht, erfahrt ihr in den nächsten Zeilen. 🙂

Was würden wir wieder gleich machen?
Wir würden in jedem Fall wieder zur gleichen Jahreszeit reisen – dies natürlich in Bezug auf die Temperatur. Weder der Monsunregen, welcher schon bald bspw. in Goa einsetzen wird, noch die an vielen Orten des Landes zu erwartenden 50° wären ein Leckerbissen und hätten wir so nicht miterleben wollen. Wir hatten im Vergleich dazu geradewegs angenehme Temperaturen und nachts kühlte es sogar oftmals angenehm ab. Tagsüber herrschte eine Hitze, welche aber wirklich sehr gut zu ertragen war.

Wohin würden wir wieder zurückkommen?
Na drei Mal dürft ihr raten ;-). Definitiv hat „Goa“ bei uns als Reiseziel im Dezember / Januar / Februar Potenzial. Wir sind ja nicht ohne Grund auch in unserem kleinen „Reise-Tief“ an diesen Ort geflüchtet und wenn man gerne an einen Ort zurückkehrt und sich da erst noch sehr wohl fühlt, dann sagt das ja schon alles. Mal abgesehen von „Palolem“, das uns ja einfach umgehauen hat, könnten wir uns höchstens mit ganz ganz viel Abstand (Jahre!) vorstellen, doch mal wieder nach „Rajasthan“ zurückzukehren. Aber anders organisiert: Am besten als von der Schweiz aus durchgebuchte Rundreise mit Car. Alles andere (Organisieren von Zugtickets, Bus, Fahrern) ist einfach zu Nerven-, Zeit- und Kostenaufreibend.

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Wohin würden wir niemals wieder gehen?
Aufmerksamen Blog-Lesern dürfte vielleicht nicht entgangen sein, dass wir „Varanasi“ nur ganz kurz ansatzweise erwähnt haben und dann auch ganz schnell wieder von diesem Thema abgewichen sind. Varanasi war mitunter auch der Ort, der das Fass für uns – wie man so schön sagt – zum Überlaufen gebracht hat. Ein separater Beitrag zu Varanasi wird auch nicht folgen, aber wir können das Gesehene kurz und knapp für euch zusammenfassen (wer mehr wissen möchte, dem gibt Google ja bestimmt Auskunft 😉 ): Varanasi ist sowas wie der heiligste Ort für das indische Volk und wer es sich leisten kann, lässt sich am Ufer des Flusses „Ganges“ bestatten. Bestatten bedeutet, dass die männlichen! (Frauen seien zu emotional) Angehörigen die Verstorbenen zu sogenannten „Ghat’s“ bringen (eine Art Treppe, die zum Wasser hinab führt), wo die Leichen verbrannt werden. 24 / 7, 300 – 400 Leichen am Tag. Die Überreste (Knochen und Asche) werden dem Fluss übergeben. Wer sich eine solche Verbrennung nicht leisten kann, dessen Leiche wird – an Steinen befestigt – im Fluss versenkt. Der Ganges ist sonst schon bekannt dafür, auch ohne die Leichengifte einer der aller schmutzigsten Flüsse der Welt zu sein – man kann sich vorstellen, in welchem Ausmass es dies noch verschlimmert. Im genau gleichen Fluss wird auch gebadet, gewaschen und sogar daraus getrunken. Wir haben uns wirklich in eine Art Schockzustand versetzt gefühlt, als wir durch die Gassen dieser Stadt gelaufen sind und das Unverständnis für solche Bräuche stand uns wohl gross ins Gesicht geschrieben. Und ganz ehrlich, nur schon die Vorstellung mit diesem Fluss in Berührung zu kommen, hat grossen Ekel in uns hervorgerufen. Und dann noch davon trinken? Aber gut – andere Länder, andere Sitten, andere Kultur. Trotzdem war das wirklich mitunter das Schlimmste, was wir bisher gesehen haben und wir würden deshalb dahin nicht wieder zurückkehren.

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Es gibt nur sehr wenige „burning ghats“. Der Grossteil dient dem normalen Zugang zum Wasser und nicht diesem Zweck. Auf dem Bild ist kein „burning ghat“ zu sehen.

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Ist Indien ein schönes Land?
Zweifellos gibt es viel Schönes zu sehen, aber das macht Indien aus unserer Sicht nicht zu einem schönen Land. Dafür gibt es eben doch zu viele Nebeneinwirkungen, die das Bild – auch von schönen Orten – trüben. Man trifft immer wieder auf einen so unheimlichen Kontrast: Sei das in Bezug auf Reichtum und Armut oder Sauberkeit und Schmutz. Unter diesen Umständen können wir nicht aus vollem Herzen sagen, dass wir Indien als schön empfunden haben. Mit grossem Beispiel geht da bspw. das „Taj Mahal“ voran, welches als das Glanzstück in die Welt herausgetragen wird, gleichzeitig aber in einer der schmutzigsten Städte überhaupt – welche wir bis jetzt gesehen haben – steht. Indien war uns einfach auch oftmals eine Spur zu nervös, zu chaotisch, zu überlaufen, zu laut, zu kompliziert. Natürlich, solche Orte findet man auch in anderen Ländern wieder – aber in Indien ist uns das Ganze einfach noch viel extremer als bisher Erlebtes vorgekommen. Trotzdem haben wir auch das schöne Gesicht des Landes kennengelernt wie bspw. wunderschöne Strände, Palmen soweit das Auge reicht, grüne Teeplantagen die sich über mehrere Bergketten hinweg erstrecken, die eindrucksvollen „Backwaters“ oder auch mit „Delhi“ eine Stadt, welche uns wirklich sehr positiv überrascht hat.

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Was hat uns betroffen gemacht und gleichzeitig auch gestört?
Zum Schluss haben wir dies – möglicherweise anders als zu Beginn unserer Reise – noch viel extremer wahrgenommen: der brutale Unterschied zwischen Arm und Reich. Natürlich, es ist ein absolutes Privileg aus einem Land wie der Schweiz zu kommen – das war uns schon immer bewusst und diese Erfahrung hat es noch viel mehr ins Bewusstsein gerufen. Ausser Frage steht auch, dass es auch in unserem Land arme und reiche Menschen gibt, wie auch in wahrscheinlich allen Ländern dieser Welt. Aber noch nie ist uns die Kluft zwischen Arm und Reich so präsent vorgekommen wie in Indien. Diese Kluft ist dann wohl das, was als Kastensystem bekannt ist. Oftmals macht es einfach nur unheimlich traurig und grenzt an Menschenunwürdigkeit, was in diesem Land vor sich geht. Es macht betroffen, die Armut in einem derartigen Ausmass sehen zu müssen und davor können wir die Augen nicht verschliessen. Es ist wirklich so, dass die oberste Schicht in glamourösen Hotels und protzigen Shoppingmalls ihren luxuriösen Lifestyle lebt, während ein paar Meter weiter Menschen verhungern. Und das ist genau das, womit wir mehr und mehr nicht mehr klar gekommen sind und uns auch diesen Anblick nicht länger antun wollten. Auch wir können die Welt nicht ändern und jeder auf der Strasse lebenden Person den gewünschten Geldsegen oder ein Dach über dem Kopf bringen. Aber wir begegnen diesen Menschen trotzdem mit Respekt. Schliesslich ist es einfach nur pures Glück, in welche Art von Welt man geboren wird. Und es erweckte wirklich häufig den Eindruck, dass ein solches Verständnis und solcher Respekt dem besser gestellten indischen Volk teils irgendwie fehlte. Natürlich möchten wir mit dieser Aussage nichts verallgemeinern – aber Anblicke, welche bei uns einen Stich ins Herzen auslösten, schienen einige Menschen nicht zu kümmern. Während sie das üppige Frühstücksbuffet geniessen, ein bisschen zu schwarz geratene Toast-Stücke zur Seite legen und nicht mehr konsumieren, geschweige denn Anfangs- und Endstücke von Broten schon gar nicht essen und gar nur die am schönsten aussehenden Brotstücke auf den Teller kommen, hungern ein paar Meter weiter Menschen.

Wie fühlten wir uns nach zwei Monaten Indien?
Wirklich sehr reif, das Land zu verlassen und wie schon mal erwähnt, wären wir wohl längst abgereist, wenn die Weiterreise nicht bereits gebucht gewesen wäre. Was wir am Anfang als aufregend und „Indien wie man es sich vorstellt“ wahrgenommen haben, war zum Schluss einfach ein für uns nicht mehr erträgliches Chaos aus Menschen, Verkehr und Lärm. Wir hätten uns wirklich nicht mehr zurück in unsere Anfangstage in Mumbai gewünscht, denn Mumbai war ironischerweise eigentlich genau das, was uns zuletzt wirklich abgeschreckt hat, Zeit ausserhalb der Hotels zu verbringen.

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Unser Fazit…
Gemischte Gefühle. Erinnert ihr euch noch an dieses Fazit von Indien nach einem Monat? Ja, da haben definitiv die frischen, euphorischen Indien-Anfänger aus uns gesprochen, von denen zum Schluss nicht mehr ganz so viel übrig war. Mehr und mehr haben wir auch Verständnis für den Slogan „God’s own country“ (hier und hier findet ihr unsere Beiträge dazu), der für den Bundesstaat „Kerala“ steht. Verglichen mit anderen Orten, welche wir besucht haben, hat dies dort verhältnismässig wirklich etwas Paradiesisches. Indien hat uns einerseits positiv überrascht, andererseits bewahrheiteten sich auch viel Gehörtes und viele Klischees. Somit können wir einerseits den eher skeptisch zu diesem Land eingestellten Menschen absolut Recht geben, denn man kann eben nicht einfach alles, was man nicht sehen möchte, ausblenden – dazu ist Armut und Schmutz zu präsent in diesem Land. Trotzdem gab es auch Orte, die uns absolut gefallen, wir gerne Zeit verbracht haben und wir auch mit einem schönen Gefühl darauf zurückblicken.

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6 Gedanken zu “Mal ehrlich – wie hat uns Indien gefallen?

  1. danke für diesen beitrag. ich hatte ja auch delhi gesehen und kurz agra. das zu agra stimmt leider zu 100%. dennoch ist der taj beim ersten anblick atemberaubend. delhi hat sehr schöne seiten, aber auch dort sind die unterschiede zwischen arm und reich und zwischen sauber und schmutzig extrem.

    ich hoffe, ihr könnt nun in anderen ländern etwas abstand von indien gewinnen und die reisen wieder in vollen zügen geniessen.

    viel spass und gesundheit
    gruss
    marc

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Marc
      Danke für Deinen Kommentar. Ja genau so haben wir Indien auch erlebt. Die unglaubliche Schönheit einzelner Orte oder Sehenswürdigkeiten wird durch Nebengeräusche etwas verzerrt. Dennoch, nach zwei Monaten in diesem riesigen Land, überwiegen die positiven Erlebnisse. Genau solche Erlebnisse und Eindrücke machen das Reisen aus und unsere Reiselust wurde dadurch, wenn überhaupt, nur einbisschen gestört.

      Danke für die lieben Wünsche. Auch Dir und Deiner Familie gute Gesundheit und einen guten Start in den Frühling.

      Liebste Grüsse aus Vietnam:)

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