Phnom Penh: Killing Fields, Prison 21

Bisher haben wir euch ja auf dem Blog stets mit vielen schönen Berichten und Fotos verwöhnt – na gut, in Sachen Indien konnten wir auch mal kritisch werden. Aber der heutige Beitrag wird auf alle Fälle aus dieser Reihe tanzen. Soll er auch! Denn wie ihr wisst, sind wir seit einiger Zeit in Kambodscha unterwegs und das Land hat eine so unheimlich schrecklich bewegende Geschichte hinter sich, welche nicht vergessen werden soll. Die Opfer sollen nie vergessen werden. Und genau darum schreibe ich diese Zeilen.

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Der schreckliche Verlauf der kambodschanischen Geschichte hat seinen Ursprung im Jahr 1975, als die „Roten Khmer“ unter Anführung Pol Pot‘s in die Städte des Landes einmarschieren. Unter dem Vorwand, es würde Gefahr weiterer Bombenangriffe (als Folge des Vietnamkrieges) drohen, wurden sämtliche Städte des Landes „geleert“. Innerhalb von drei Tagen war „Phnom Penh“ menschenleer, eine Geisterstadt. Die eigentliche Absicht dahinter war aber eigentlich die Überleitung des Landes in einen Agrarkommunismus und endete schliesslich im Massenmord am kambodschanischen Volk, in dem rund 1.7 bis 2.2 Millionen Menschen das Leben genommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt ahnte von diesem Ausgang aber noch niemand etwas: die Menschen begrüssten gar die einmarschierenden Truppen in den Städten jubelnd und bevor sie ihre Häuser verliessen, putzten sie diese noch eifrig – in der Absicht einer baldigen Rückkehr zu ihrem Hab und Gut. Nach Verlassen ihres Zuhauses begann jedoch erst der wahre Horror: Die Menschen mussten monatelang zu Fuss durch das Land marschieren und alleine diesem „Marsch“ vielen unzählige Menschen zum Opfer – insbesondere Ältere und Kinder. Die Überlebenden dieser Strapazen wurden in der Folge zu (Land)Arbeit gezwungen. Pol Pot schwebte die Vision von der Zerstörung von allem Städtischen vor und die Ausradierung sämtlicher intellektuellen Menschen des Landes – im Gegenzug sollte das Bauerntum gestärkt werden. Zu der intellektuellen Elite des Landes zählte er bspw. Lehrer, Ärzte, Brillenträger, Menschen die einer Fremdsprache mächtig waren, Lesen konnten oder auch einfach nur Menschen mit feinen Händen. Ja, das war schon Grund genug, Menschen zu ermorden.

Gleichzeitig wurden Personen, welche in den Augen der Roten Khmer als Verräter galten, verhört, gefoltert und letztlich ermordet. Zusammen mit der gesamten Familie wurden verdächtige Personen in sogenannte Sicherheitsgefängnisse gebracht. Es wurde stets die gesamte Familie dorthin verlegt, damit keine Gefahr von Rache eines Familienmitgliedes bestand.

In Phnom Penh erinnern zwei Gedenkstätten an die schrecklichen Gräueltaten: Das „Tuol-Sleng-Genozid-Museum“ („S-21″ oder „Prison 21″) und „Choeung Ek“ („Killing Fields“). Wir haben beide dieser Orte besucht und finden, dass das bei keinem Besuch in Phnom Penh ausgelassen werden sollte. Es wird vom kambodschanischen Volk gar sehr geschätzt, da mit diesen Gedenkstätten dem Vergessen der Opfer entgegen gewirkt werden soll und dies somit durch Besucher unterstützt wird. Übrigens werden an beiden Orten äusserst informative Audiotouren zu den einzelnen Plätzen der Gedenkstätten angeboten – diese sind in mehreren Sprachen, auch in Deutsch, erhältlich. Wir sind ansonsten gewiss nicht Fans dieser Audio-Geschichten, aber in diesen Fällen ist es ein echtes Muss um mehr über die grausamen Verbrechen zu erfahren.

Tuol-Sleng-Genozid-Museum

Das Sicherheitsgefängnis S-21 war einst eine Schule in der Stadt Phnom Penh, bevor diese nach dem Einmarsch der Roten Khmer in ein Gebäude zur systematischen Folterung und Verhörung umgewandelt wurde. Ehemalige Klassenzimmer wurden in Gefängniszellen und Folterkammern umfunktioniert. Als Besucher kann man die einzelnen Räume betreten und es ist nur schwer vorstellbar, welches Grauen darin verübt wurde. In manchen Räumen sind gar noch Blutspritzer an den Wänden zu sehen.

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Nach Ankunft im Sicherheitsgefängnis wurden die Insassen fotografiert und gezwungen, sämtliche Informationen über sich preiszugeben, welche von den Roten Khmer peinlichst genau dokumentiert wurden. Wer nicht die von den Roten Khmer verlangten Geständnisse lieferte, wurde gefoltert um so an irgendwelchen Informationen zu kommen, wo eigentlich gar keine zu holen sind. Während dieser Prozeduren mussten sich die Gefangenen stets an strenge Regeln halten – so war allgemein Reden untersagt und während der Folter durfte auch nicht geschrien werden. Viele Menschenleben fielen den Folterungen zum Opfer – jedoch wurde ein solcher Tod von den Roten Khmer selbst verpönt. Denn es sollte niemand sein Leben lassen, bevor er nicht gestanden hat. Neben der Folter wurden zur Verbesserung der anatomischen Kenntnisse des medizinischen Personals auch chirurgische Eingriffe an lebenden! Insassen verübt. Weiter wurde auch Blut entnommen für Transfusionen von verwundeten Kämpfern der Roten Khmer. Alleine der dadurch entstandene Blutverlust führte bei vielen zum Tode.

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Wer die Strapazen der Folter tatsächlich überlebt hat, für den war der Horror keines Falls zu Ende. Wieder unter einem falschen Vorwand, es fände eine Überführung in ein anderes Gebäude oder gar nach Hause statt, wurden die Überlebenden nachts vor die Tore der Stadt gebracht: Das Ziel des Transports war „Choeung Ek“. Die Killing Fields sollten Endstation aller werden.

Choeung Ek

Landesweit gibt es um die 300 Stätten, die unter dem Namen Killing Fields bekannt sind, wo die Roten Khmer Massenmord an der kambodschanischen Bevölkerung verübt haben. Die bekannteste Stätte ist Choeung Ek, wo alleine bis zu 17‘000 Menschen dem Massenmord zum Opfer fielen. Gleich beim Eingang wurde eine Stupa zum Gedächtnis an die Toten errichtet, in der in den Massengräbern gefundene Totenschädel aufbewahrt werden.

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Viele der Schädel sind gar mit der Todesursache gekennzeichnet – denn die in die Killing Fields überstellten Menschen wurden nicht erschossen. Um Munition zu sparen, wurden diese mit einfachsten Gegenständen (Eisenstangen, Axt, Hammer oder Ähnlichem) hingerichtet und anschliessend in Massengräber gestossen. Die Grausamkeit findet ihren absoluten Gipfel im sogenannten „Killing Tree“. An diesen wurden Babys und kleine Kinder mit dem Kopf geschlagen, bis sie tot waren.

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Da teilweise mehr Personen in den Choeung Ek ankamen, als getötet werden konnten, mussten die Todgeweihten in sogenannten „Warteräumen“ in völliger Ungewissheit ausharren. Die Beschallung der Anlage mit Propaganda-Musik in Kombination mit dem Rattern der Diesel-Generators verhinderten, dass die auf ihren Tod wartenden Personen die Schreie der Ermordeten hören konnten.

Die Massengräber sind auch heute noch auf dem Gelände in Form von verwachsenen Gruben erkennbar. Gefundene Knochenreste und Kleiderstücke werden in Behältern aufbewahrt. Grundsätzlich wurde mal entschieden, die Toten ruhen zu lassen und keine weiteren Grabungen mehr durchzuführen. Durch starken Regen kommen aber immer wieder neue Knochenstücke und Kleiderreste zum Vorschein, die von Mitarbeitern der Gedenkstätte alle paar Monate eingesammelt werden.

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Das Ende

Im Jahr 1979 findet die grausame Herrschaft der Roten Khmer ein Ende. Selbst nach dem Einmarsch der Truppen des wiedervereinigten Vietnams vergingen aber noch einige Tage, bis S-21 und Choeung Ek entdeckt wurden.

  • Den Horror von S-21 überlebten sieben Personen von 14‘000 inhaftierten Personen.
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  • Von den in diesem Land vorgehenden Gräueltaten ahnte der Rest der Welt nichts: Kambodscha schloss seine Grenzen, es war nicht möglich in das Land einzureisen und die Grenzen waren vermint.
  • Das Regime um Pol Pot flüchtete nach dem Einmarsch der Truppen in thailändische Flüchtlingslager.
  • Das Gerichtsverfahren gegen den Leiter des Folter-Gefängnisses S-21, „Genosse Duch“ genannt, begann erst im Jahr 2009. Dies nachdem er im Jahr 1999 überhaupt erst identifiziert wurde – bis dahin lebte er entweder im Ausland oder in Kambodscha selbst unter einem falschen Namen. Er wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt, was aber nach der Berufung der Staatsanwaltstaft in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt wurde.
  • Pol Pot lebte und führte nach seiner Flucht ein Leben aus dem Untergrund. Ihm wurde im Jahr 1997 der Prozess gemacht. Im Jahr 1998 verstarb Pol Pot aber. Die Umstände seines Todes sind unklar.

Es ist wirklich nicht in Worte zu fassen, mit welcher Grausamkeit gegen das kambodschanische Volk vorgegangen wurde und welche schrecklichen Verbrechen an den Menschen verübt wurden. Natürlich sind die oben erwähnten Zeilen nur eine kurze Abhandlung darüber, was wir selber mit unserem Besuch der Gedenkstätten erfahren durften. Wie eingangs erwähnt, sollen sie ein Zeichen sein gegen das Vergessen.

 

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